Florian Fath

Therapie | Coaching | Supervision & Seminare

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„But why…?“ Ein Pinguin erobert das Internet

Seit ein paar Tagen wird mein Instagram-Feed von einem einzigen Meme regelrecht geflutet: dem „Lonely Penguin“. Eine kurze Videosequenz aus einem Tierfilm, unterlegt mit der rauen Stimme von Werner Herzog. Ein kleiner Pinguin verlässt seine Kolonie und läuft alleine zielstrebig in die entgegengesetzte Richtung, hin zu den weit entfernt aufragenden Bergen. „But why…?“ fragt Herzog, der das Verhalten des Pinguins als Suizidabsicht interpretiert.

„But why…?“ frage auch ich mich. Was fasziniert die Menschen so an dieser kurzen Szene? Warum gerade jetzt? Und greift diese todessehnsüchtige Interpretation nicht vielleicht zu kurz?
Ich möchte mich diesen Fragen aus einer symbolischen Perspektive nähern.

Was fasziniert die Menschen so an der Szene?

Der Pinguin

Pinguine sind Herdentiere. Sie leben in Gruppen, teilweise aus vielen tausend Tieren bestehend. Die Gruppe gibt ihnen Schutz und Sicherheit. Gemeinsam trotzen sie der arktischen Kälte, können Fraßfeinden besser entkommen und bewältigen auch die oft kilometerlangen Märsche hin zu Brut- und Futterplätzen.
Pinguine sind treue Tiere. Normalerweise bleibt ein Brutpaar ein Leben lang zusammen.
Pinguine sind anthropomorphisch – sie bewegen sich wie wir auf zwei Beinen fort, wirken dabei aber immer etwas ungelenk und tollpatschig, irgendwie süß.

Ein perfektes Projektions- und Identifikationsobjekt.

Wir finden uns wieder in diesem dickköpfigen kleinen Frackträger, der alleine und scheinbar in selbstmörderischer Absicht den Bergen entgegenstrebt. Wir können mitempfinden – oder besser: Wir projizieren unsere menschlichen Gefühle und Motive auf den kleinen Kerl. Er bricht aus, er verlässt die Sicherheit seiner Kolonie. Im Video wird deutlich: Er weigert sich standhaft, zu ihr zurückzukehren. Er geht seinen Weg. Alleine, unbeirrbar.

Das packt. Das fasziniert. Gerade in einer Zeit, in der es kaum mehr möglich erscheint, wirklich eigene Wege zu gehen. Unsere postmoderne Gesellschaft hat scheinbar Platz für jeden noch so geschwungenen, außergewöhnlichen Lebensentwurf. Nichts erscheint zu verrückt, als dass es nicht doch irgendwie Raum in der Mitte der Gesellschaft dafür geben könnte…

Aber halt: Wohin wendet sich der Pinguin noch mal? Er wendet sich zu den Bergen, die in scheinbar unüberwindbarer Entfernung vor ihm aufragen.
Was könnte das bedeuten?

Die Berge

Der Berg ist ein altes, universales und zwiespältiges Symbol. Berge strahlen Majestät aus, Größe, erzeugen Ehrfurcht. Sie ziehen die Menschen seit jeher wie magisch an. Auf ihren Gipfeln warten Heilige und weise Männer, um die Antworten auf die großen Fragen des Lebens zu geben. In ihren Wänden und Gletscherspalten lauert aber auch der Tod; ihre Höhe und eisige Kälte sind lebensfeindlich und nicht für uns Menschen – oder kleine Pinguine – gemacht.

Doch Berge bieten vor allem eines: Sie bieten Orientierung. Sie sind unübersehbare Landmarker, an denen sich der Wanderer ausrichten kann. Steigt man auf einen Berg, kann man die Landschaft ringsum überblicken; man sieht und findet Wege, die man nicht findet, wenn man im Tal bleibt. Berge sind Symbole der Ordnung, der Ewigkeit, der Orientierung am „Höchsten Letzten“. Monumente der Heiligkeit, gerade auch, weil sie keine dauerhafte Wohnstatt bieten.

Der Pinguin läuft also nicht nur weg von der Kolonie, seinem „normalen“ Leben, sondern er läuft hin zu etwas, das unendlich viel größer ist als er selbst. Und er tut dies mit stoischer Selbstverständlichkeit, die scheinbar auch den eigenen Tod nicht zu scheuen scheint.

Ich glaube, dass es genau das ist, was so viele an dem Meme fasziniert: die stoische, treue Hinwendung zu etwas, das größer und mächtiger ist als das Normale. Eine Bewegung hin zum Vertikalen, hinaus aus der Horizontalen des Alltags.

Übersetzt in psychologisches Denken könnte man sagen: eine Hinwendung zu Werten, zu Ordnung und Sinn, die das eigene Überleben transzendieren und mit Bedeutung erfüllen können. Existenziell gedacht: zum Wahren, Guten und Schönen. Und in religiöser Sprache: eine Hinwendung zu Gott, der sich seit jeher auf den Bergen offenbart.

Warum gerade jetzt?

Wir erleben gerade – davon bin ich überzeugt – eine dramatische Zeitenwende auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Die geopolitische Weltordnung zerfällt und setzt sich gerade neu zusammen. Unsere Lebens- und Arbeitswelt verändert sich rasant, wir mutieren mehr und mehr zu hybriden Wesen aus Mensch und Technik. KI durchdringt und verändert unser Dasein radikal. Die westlichen Gesellschaften überaltern. Das Paradigma der individuellen Selbstverwirklichung ist gescheitert; eine ganze Generation befindet sich – zugespitzt – in Therapie, weil sie mit dem Leben nicht mehr zurechtkommt.

Alles, so scheint es, befindet sich im Zerfall. Wir leben in einer Zeit der herannahenden Flut… Die Wasser steigen, die Schleusen des Himmels haben sich geöffnet. Chaos und Durcheinander lauern an jeder Ecke…

Und dann kommt da ein Pinguin daher, der sich abwendet und hinwendet. Der losmarschiert, ganz alleine, gegen alle Widerstände und vermeintlich logischen Argumente. Der seinem inneren Ruf folgt. Und dieser Ruf führt ihn – wie gesagt, symbolisch gedacht – hin zurück zu Sinn, Ordnung, Bedeutung und Orientierung. Wie sehr uns selbst das gerade fehlt!

Woran sollen wir uns halten, wenn in postmoderner Lesart alle Geschichten beliebig sind und die Bedeutung der Welt immer nur im Auge des Betrachters liegt? Vielleicht scheint in genau solchen Zeiten ein Stern am Himmel auf, brennt ein Dornbusch irgendwo im Augenwinkel und zieht uns „magisch“ an. Und – wie sollte es heute anders sein – natürlich ist es ein Meme auf Social Media, das diese Funktion erfüllt und kanalisiert.

Der Pinguin packt uns an unserer tiefsten Sehnsucht: der nach Sinn und Bedeutung. Und er konfrontiert uns gleichzeitig mit unserer tiefsten Angst – dass uns diese Suche unweigerlich in den Tod führen wird. Denn wir alle sind nun einmal sterblich…

Dies führt mich zur letzten Frage:

Ist die todessehnsüchtige Interpretation des Regisseurs tatsächlich zutreffend oder greift sie zu kurz?

Orientierung…

Letztlich scheint meine Antwort bereits in den vorangegangenen Zeilen durch. Ich denke, sie greift definitiv zu kurz.
Ja, der Pinguin riskiert sein Leben. Vielleicht geht er sogar tatsächlich dem sicheren Tod entgegen. Aber was, wenn nicht? Wenn er es schafft? Wenn er die Berge erreicht und sie vielleicht erklimmt? Wenn er von dort ein Stück Himmel mitbringt, so wie Mose einst die steinernen Tafeln?

Was, wenn es genau das wäre, was wir im Moment am dringendsten bräuchten? Nicht Sicherheit, nicht volle Gasspeicher oder endlich den Weltfrieden? All dies bleibt letztlich immer nur Stückwerk, so gut und wichtig es bestimmt wäre. Was, wenn wir unsere Augen endlich wieder heben könnten hin zu dem, was uns zu Menschen gemacht hat?

Es ist schwer, dies genau in Worte zu fassen, ohne in religiöse Sprache zu verfallen. Und das ist heute nach wie vor gefährlich, weil es zu unfassbar vielen Missverständnissen einlädt. Aber vielleicht ist die Zeit dafür gekommen. Vielleicht müssen wir Gott wieder beim Namen nennen.

Die Sehnsucht nach Sinn

So hat es sich mir erschlossen – und ich halte das für wahr genug, um danach zu leben: Gott hat sich uns offenbart – nicht nur als Idee, sondern als lebendiges Gegenüber. Er hat uns herausgeführt aus der Enge unserer menschlichen Begrenztheit. Er hat uns gezeigt, was wir sein könnten, wenn wir uns ihm wirklich anvertrauen – verdichtet und verkörpert im Gottmenschen Jesus Christus.

Ich glaube, dass dem Menschensein eine tiefe Sehnsucht eingeschrieben ist: nach Sinn und Bedeutung, nach einem Grund, der trägt und nach einer Wahrheit, die größer ist als wechselhafte Stimmungen, kulturelle Moden und die jeweils vorherrschenden Deutungen der Welt. Nach einem überpersönlichen Gegenüber, das unserem Leben einen Sinn verleiht, der uns über uns selbst hinauswachsen und nach den Sternen greifen lässt. Der uns zeigt, dass unser Leben und unser Sterben Sinn haben kann und Sinn haben darf.

Vielleicht ist es genau das, was wir im Moment am dringendsten brauchen: nicht nur mehr Sicherheit, nicht nur bessere Pläne und strategische Lösungen – sondern echte, wesentliche Orientierung. Eine Arche, die uns durch unruhige Zeiten bringt.

Vielleicht sollten wir uns alle wirklich ein Beispiel an dem kleinen Pinguin nehmen. Uns aufmachen ins Unbekannte, zu den symbolischen Bergen. Den Blick heben in den Himmel.

Dann wäre er – dann wären wir – auch nicht mehr so allein…

Beitragsbild: Screenshot/Zitat aus YouTube-Video